Scheuklappen als Orientierungshilfen 

Eine Sufi-Geschichte zum Nachlesen und Musik zum Nachsinnen

An einem sonnigen Tag pilgerte ein Sufi Meister mit Namen Sarat zusammen mit seinem Schüler Talib auf den Berg Sinai. Der Sinai spielt in der Überlieferung eine große Rolle, da auf diesem Berg Moses seinem Herrn begegnet ist und dort von ihm den Auftrag zur Befreiung seines Volkes bekommen hat. Talib war ein Novize, der noch nie ein Maultier geritten hatte. Es grauste ihm vor dem Aufstieg und er bekam jedes Mal Angst, wenn das Maultier seine Hufe nah an den Abgrund setzte - immer wieder sah er sich samt Maultier in die steile Schlucht herabstürzen.

Sarat bemerkte das Unwohlsein seines Schülers und wandte sich an ihn: "Sorge Dich nicht mein Sohn, diese Maultiere sind die engen Pfade gewohnt, sei versichert sie wissen, wie sie diesen engen Pfad am steilen Abhang gehen können. Ich schlage Dir vor, Deine Angst vor dem Abgrund zu überwinden, indem Du Deinen Fokus auf die Unterweisung richtest, die ich Dir gab, bevor wir aufgebrochen sind. Konzentriere Dich auf das Konzept der Rückschau und Gewissensprüfung (Mohassebeh) und wie Du durch eine regelmäßige Anwendung Deine geistige Entwicklung voranbringen kannst."

Der Schüler folgte diesem Rat, um nicht dauernd den gefährlichen Aufstieg und das Absturzrisiko vor Augen zu haben. Er begann über das Konzept der Gewissenprüfung nachzudenken, doch trotz seiner gründlichen Abwägung, konnte er keinen Zusammenhang mit seiner spirituellen Entwicklung zu einer inneren geistigen Vollendung herstellen. Immerhin war es ja nur ein täglich sich wiederholendes Ritual, dem er keine innere Verwandlungskraft zutraute und das er für nicht wirksam für eine Verbindung zu Gott einschätzte. Nach einer Weile kam er nicht mehr weiter in der Sache und sprach seinen Meister an: "Meister, wenn die spirituelle Suche einfach aus Ritualen wie Mohassebeh oder etwas Anbetung bestünde, müssten doch die Priester, die sich ihr Leben lang mit solchen Ritualen beschäftigen, allesamt erleuchtet sein. Da gehört doch noch mehr dazu, oder?"

Sarat antwortete lächelnd: "Sicher, es gibt bei einer spirituellen Entwicklung weit mehr als die Ausübung von Ritualen. Wenn man nicht achtsam vorgeht, können auch alle möglichen Rituale in die Irre führen. Das Ego kann sehr leicht alle Erfahrungen verbiegen und missbrauchen. Die Gewissensprüfung ist mehr als ein Ritual, da sie richtig ausgeführt, zum Schild gegen die Angriffe des Egos wird."

Talib, bei dem der Groschen noch nicht gefallen war, rieb sein Kinn und erwiderte: "Aber Meister, wie genau wendet Ihr Mohassebeh an und - wie habt Ihr das gelernt?" Sarat lächelte immer noch wohlwollend: "Das ist nicht schwer, mein Lieber! Mohassebeh habe ich von diesem Maultier gelernt. Ich habe jetzt mein Leben in seine Hände gelegt, da wir diesen unberechenbaren Pfad heraufklettern."

Diese Antwort verwirrte den Schüler mehr, als dass sie etwas aufklärte und er kratzte sich etwas verzweifelt den Kopf: "Aber Meister! Wie kann Dich dieses Maultier denn das Konzept der Gewissensprüfung und Rückschau lehren?"Jetzt lachteder Meister: "Mein Sohn, jede Lebenssituation kann uns lehren, wenn wir offen und empfänglich für die Lehren des Lebens sind. Der große Sufi Meister Dschunaid wurde einst gefragt, wer ihn die Durchführung von Moraghebeh', einer Hinwendung zum eigenen Herzschlag, gelehrt hat. Seine Antwort lautete: 'Eine Katze, der ich einst zusah!' Das heißt er beobachtete eine Katze, wie sie vor einem Mauseloch lauerte. Wenn eine Katze einer Maus auflauert, ist sie voll und ganz auf die Beute konzentriert und lässt sich nicht ablenken! Auf diese Weise lernte Dschunaid sich wie eine Katze zu konzentrieren, wenn er seine Herz-Fokussierung Übung (Moraghebeh) durchführte. Jetzt verstehst Du, dass meine Antwort auf Deine Frage sich nicht von Dschunaids Antwort unterscheidet."

Talib betrachtete sein Maultier, dann das Maultier seines Meisters, um Hinweise auf Antworten für seine Fragen zu bekommen. Doch in beider Verhalten fand er nicht den geringsten Hinweis zu der Durchführung von Mohassebeh. So dachte er bei sich, "Um Himmels Willen, ich muss ja wahrlich dumm sein, denn wenn ein Maultier Mohassebeh so durchführen kann, dass mein Meister davon lernt, muss ich ja dümmer sein als dieses tumbe Maultier!"

Als Talib letztlich mit seinen Gedanken nicht weiterkam, wandte er sich nochmals an seinen Meister: "Bei meinem Leben Meister, ich komme nicht darauf, wie Ihr die Durchführung von Mohassebeh bei Eurem Maultier lernt. Was mir auch nicht einfallen will, ist wie ich mich so entwickeln kann, dass mir mein Ego nicht meine Erfahrungen abluchsen kann. Jetzt habe ich Euer und mein Maultier fast eine Stunde lang beobachtet und bin immer noch ratlos. Wenn dieses Maultier Euer Lehrer ist, muss ich der Dümmste auf der Welt sein. Vielleicht sollte mein Maultier besser auf mir reiten, anstatt ich auf dem Maultier."

Sarat musste über die Anmerkungen seines Schülers lachen. Gerade als sie eine Engstelle nah am Abgrund passierten, gab er zu bedenken: "Mein Sohn! Alle Wahrnehmungsformen sind Spiegel der eigenen Aufnahmefähigkeit, des eigenen Wissens, der eigenen Weisheit und letztlich der eigenen Verbindung mit der göttlichen Sphäre - alles Geschenke himmlischer Gnade! - Jetzt lass mich meine Gedanken erläutern, während uns die Maultiere weiter den Weg hochtragen. Ab dem Moment, wo jemand den Pfad spiritueller Entwicklung zu gehen beginnt, hat er oder sie es mit einem unerwünschten Begleiter zu tun. Dieser unsichtbare Gast zeigt seinen Schatten, sobald göttliches Licht auf unseren Weg scheint, so wie unsere Schatten auf den Berg fallen, wenn die Sonne auf uns scheint. Zu Beginn unserer Reise zeigt uns unser unsichtbare Gast nur einige seiner Masken, besonders jene, die schon bei schwachem Licht sichtbar werden. Doch sein mächtigstes und dunkelstes Gesicht bleibt verborgen, während dieser Gast hinter uns lauert und sich von unserem Verhalten ernährt. Um unsere Entwicklung zu verhindern, zeigt der Gast seine schwächeren Gesichter, behält aber die schrecklicheren und wirkmächtigeren Seiten seines Wesens verborgen. Diese machtvolle Seite unseres verborgenen Gasts, wird immer verborgen bleiben, wenn wir schon den weniger mächtigen Seiten unterliegen. Doch wenn wir stark genug sind diese schwächeren Schatten zu überwinden, sitzt uns der Gast geduldig im Nacken und ernährt sich gleichermaßen von unseren guten und bösen Handlungen. Doch mit unserer Entwicklung, hat der unsichtbare Gast mehr Kraft gewonnen und wartet auf den richtigen Augenblick. Wenn wir in unserer spirituellen Entwicklung durch die Gnade Gottes seinen Schatten sehen könnten, würden wir seine Macht wachsen und uns ganz mit seinem Schatten bedecken sehen. Dies ist der Schatten, der aus unseren Ansprüchen und unserem Stolz erwächst, der wiederum genährt wird durch unsere Anbetungen und unsere Kenntnisse. Dieser wachsende Stolz schafft Distanz zwischen unseren Mitmenschen und uns, da wir uns mit der Zeit beginnen höherwertig ihnen gegenüber zu fühlen. Das bringt uns dazu zu meinen, wir seien durch unsere erworbenen Kenntnisse und Anbetungen berechtigt, anderer Menschen Gedanken, Handlungen und Leben zu überwachen und zu beurteilen."

"Verstehst Du? Dieser ungebetene Gast macht uns glauben, wenn wir rechtschaffen handeln, seien wir näher bei Gott als die übrigen Menschen und dadurch seien wir berufen, andere zu beurteilen und nur wir seien in der Lage, sie zum Eins Sein zu geleiten. Bald sind wir dann überzeugt, dass Menschen, die unserem Rat nicht folgen oder uns nicht gehorchen, ungehorsam gegenüber Gott sind und bestraft werden müssen. Der ungebetene Gast flüstert uns dann ein, es sei eine von Gott befohlene Pflicht alle Handlungen zu bestrafen, die wir als "gottlos" einschätzen! Schließlich denkt man, durch die größere Nähe zu Gott und die dauernde Anbetung, kenne man auch Seine Wünsche besser!"

"Dieser ungebetene Gast ist kein anderer als Dein Ego. Sein verborgenes und tödlichstes Gesicht ist im Stolz und in den Ansprüchen begründet, die durch jede Deiner Handlungen genährt werden, ganz besonders durch die Handlungen, die Du als gut einschätzt. Es ist dieser ungebetene Gast, der bald Dein wahres Selbst ersetzt und Deinen Körper stattdessen beherrscht. Dieser Usurpator ist die wirkliche Person all jener, die den Tricks ihres ungebetenen Gasts erlegen sind - so wie die Kleriker, die sich Gott am nächsten wähnen. Das entbehrt nicht einer großen Tragik, denn in Wahrheit sind sie die unglücklichsten und fehlgeleitetsten Geschöpfe - sie meinen Gottes Werk zu verrichten und sind Sklaven ihres Schattens!"

Talib schwieg, dachte nach und öffnete das Gespräch wieder mit einer neuen Frage: "Meister, wenn man durch Anbetung Gott nicht näherkommt, wozu nutzen sie? Und wenn jene, die anbeten Gott nicht nahe sind, wer ist Gott am nächsten?"

Sarat ließ sein Maultier anhalten, wandte sich Talib zu und zeigte auf die Mittagssonne: "Jene, die Gott am nächsten sind, sind die, deren Gewissen wach ist und die einen Sinn für Demut haben. Doch alleine Gott kennt sie! Aber eines ist sicher, der ungebetene Gast dieser Leute wird täglich beleuchtet und jeder Moment ist eine Gelegenheit zur Gewissensüberprüfung! Die Gewissensüberprüfung mindert den Schatten, so wie unser Schatten kleiner wird, wenn die Mittagssonne genau über unseren Köpfen steht! Siehst Du mein Sohn, das Gewissen solcher Leute gründet nicht auf Selbsterhöhung oder Selbstgerechtigkeit, sondern darin Gerechtigkeit für andere zu schaffen, selbst wenn diese Gerechtigkeit dem eigenen Nutzen entgegenläuft! Sie erreichen das alles durch die Gewissensprüfung, denn diese entzieht dem ungebetenen Gast die Kraft und unterbindet seine Entwicklung zu einem allmächtigen Biest! Ohne Gewissensprüfung mutieren Anbetungen zu Selbst-Anbetungen und nicht zu Hingabe an das Göttliche. Doch in Verbindung mit Mohassebeh wird Deine Verehrung ein Spiegel, in dem die göttliche Sonne sich selbst sehen kann und sie leuchtet so hell hinein, dass andere diese göttliche Energie in Deiner Nähe spüren können, selbst wenn Du das nicht brauchst oder Dir wünschst!"

Talib versenkte sich tief in diese Äußerungen seines Meisters, er merkte nicht einmal mehr, dass er auf einem Maultier, das enge Gebirgspfade bezwang, saß. Er starrte auf sein Maultier und hatte den Abgrund vergessen. Er versuchte erneut zu verstehen, wie sein Meister Gewissensprüfung von seinem Maultier gelernt hatte. Doch er kam nicht drauf und so richtete er seine Frage erneut an den Meister: "Oh Meister, selbst nach all dem, was Du zuletzt gesagt hast, aber ich kapiere immer noch nicht, wie Du Mohassebeh von Deinem Maultier gelernt hast, vor allem so, dass Dein Ego verhungert und Du es kontrollieren kannst?"

Sarat streichelte dankbar sein Maultier, während das Tier den immer steileren Anstieg mit langsamen Schritten bewältigte. Er antwortete: "Mein Sohn, dieses Maultier ist nicht nur ein Tier, das mein Gewicht trägt und mir auf meinen beschwerlichen Reisen hilft. Es ist auch mein Gefährte auf meinem spirituellen Weg. Ein wahrhaft Suchender sieht auf seinem Weg lauter Gefährten, die ihn in dieser Welt begleiten. Da wir diese Reise gemeinsamen unternehmen, bin ich manchmal der Lehrer meines Maultieres und manchmal ist es mein Lehrer. Auf diese Weise hat mich mein Maultier die unschätzbaren Prinzipien der Gewissensprüfung gelehrt."

"Ich weiß, dass Du fürchtest in diese tiefe Schlucht hinabzustürzen, wenn das Maultier einen falschen Schritt tun sollte. Aber weißt Du, was es daran hindert?" Talib wusste es nicht: "Nicht wirklich Meister! Vielleicht weil es den Weg kennt?"

"Ja zum Teil ist das sicher so. Was das Maultier davon abhält, wie Du in Furcht vor dem Abgrund zu verfallen, ist seine absolute Konzentration auf seinen vor ihm liegenden Weg. Das gelingt ihm mit Hilfe seiner Scheuklappen. Sie verhindern den Blick zur Seite, wodurch kein sichtbarer Grund seine Aufmerksamkeit von dem vor ihm liegenden Abschnitt ablenken kann. So kann sich mein Maultier ohne Ablenkungen vorankommen. So hat mir mein Maultier Prinzipien der Gewissensprüfung beigebracht. Ich habe seine Handlungen beobachtet und dachte mir, ich könnte auf meiner Reise auch Scheuklappen gebrauchen. Doch meine Scheuklappen sind natürlich nicht physisch, sondern geistig!"

"Auf meine linke Scheuklappe habe ich alle meine Sünden und unangebrachten Handlungen verbucht, die ich täglich betrachte, um meine Schuld bei anderen auflösen zu können. Diese Scheuklappe zu meiner Linken hilft mir, mich zurückzuhalten in der Beurteilung des Verhaltens anderer oder mich höherwertig zu wähnen, jedes Mal wenn ich jemanden etwas tun sehe, das ich nicht erstrebenswert finde. Man kann also sagen, dass meine Scheuklappe zur Linken eine Liste enthält, die meines Schutzengels Liste aller meiner schlechten Handlungen gleicht, so dass ich nicht überrascht sein werde, wenn ich im nachtodlichen Leben dafür geradestehen muss, während ich gleichzeitig daran arbeiten kann Korrekturen oder Ausgleich vorzunehmen."

"Auf der Scheuklappe zu meiner Rechten habe ich alle Versäumnisse, Momente des Versagens, meine Unzulänglichkeiten und meine sogenannten 'guten Taten' aufgeschrieben. Meine sogenannten 'guten Taten' sollen ja meinen ungebetenen Gast auf meinem Entwicklungsweg nicht nähren und ich sollte auch nicht erfüllt von Stolz sein, wenn ich diese Welt verlasse und mir meine Schutzengel alle Taten vor Augen führen. Also überqueren mein Maultier und ich diese schmale Kante, welche wie meine spirituelle Reise verläuft, mit Hilfe von Scheuklappen. Wenn diese zwei Scheuklappen nicht wären, würde ich wie Du denken, dass das Maultier auf mir reiten sollte und nicht ich auf ihm! Denn in diesem Fall könnte das Maultier den geraden Weg besser sehen als ich!"

Talib sann nach und erwiderte: "Aber Meister, werden mich solche Scheuklappen davor bewahren vom Weg abzukommen, wenn mein ungebetener Gast alle meine Erfahrungen aufsaugt?"

Sarat seufzte: "Nicht ganz mein Sohn. Diese virtuellen Scheuklappen werden Dich zur höchsten Reifestufe einer Gewissensprüfung führen, die auf Klarheit und Qualität einer Verbindung zu Deinem Meister und der göttlichen Sphäre beruht. Sie werden Dich lehren, alles außerhalb Deines eigenen Selbstverständnisses zu sehen und damit wird sich eine Selbstlosigkeit entwickeln, insbesondere, wenn Du auf Deinen Scheuklappen immer wieder die Betrachtung Deiner Handlungen aktualisierst. Sie halten Dich am Leben und Atmen auf Grund der Klarheit und Qualität Deiner spirituellen Verbindung. Nichtsdestotrotz - so wie wir letzten Endes die Mittagssonne brauchen, um die Bildung von Schatten zu verhindern, braucht der Suchende göttliche Gnade, um seinen Schatten klein zu halten. Die höchste Reifestufe von Mohassebeh ermöglicht Dir eine klare Verbindung, so dass die göttliche Sonne stark genug durchscheinen kann, damit Dein Schatten so klein wie möglich wird.

So kannst Du Gott nahekommen. Als Jesus gefragt wurde, wer denn der größte seiner Schüler sei, antwortete er: 'Jener, der am demütigsten ist!'

Daher ist die Gewissensprüfung wie ich Sie dir beigebracht habe, mit ihren Scheuklappen und mit Gottes Hilfe der Pfad zur Demut, wodurch Du Gottes Nähe erreichst!"

Hier erreichten Meister und Schüler den Gipfel des Sinai Berges, auf dem Moses mit Gott in Verbindung kam.

 

Schneeflocken - das Prinzip der Vielfalt in der Einheit

Der Ozean ist ein Gebilde, das aus unzähligen Wassertropfen besteht. Er bildet ein Symbol für Einssein und Verbindung. Die Wassertropfen, die einen Ozean ausmachen, behalten ihr eigenes Charakteristikum und ihre eigenen Besonderheiten, während sie in ständigem Informationsaustausch sind, in einem Verhältnis zu einander stehen und miteinander verbunden sind.

Um diesen Aspekt besser zu verstehen, werden wir diesem Mysterium auf die Spur zu kommen versuchen.

Durch Veränderung der Temperatur wird ein Wassertropfen entweder verdampfen oder zu einem Eiskristall gefrieren, je nachdem, ob wir die Temperatur erhöhen oder senken. Unter bestimmten Luftdruckbedingungen nehmen Schneeflocken die Struktur hexagonaler Sterne an. Laut dem kanadischen Astrophysiker Hubert Reeves gehorchen die Schneeflocken einem Naturgesetz, das ihnen diese besondere Form aufzwingt, ihnen aber gleichzeitig Raum für Diversifikationen lässt. Aus diesem Grund unterscheidet sich jede Schneeflocke ein wenig von allen anderen. Die Struktur eines Hexagons bildet die Grundform jeder Schneeflocke, doch hat die einzelne Schneeflocke den Spielraum eine Variation auszuformen und dadurch etwas Einzigartigkeit zu erreichen. Dieser Unterschied wird in seinem festen kristallinen Zustand sichtbar und bleibt verborgen in seinem wässrigen oder luftförmigen Zustand. Somit ist jeder Tropfen einzigartig. Dadurch wird der Ozean zum Ort der Einheit und Vielfalt zugleich. Dieses Beispiel mit dem Wassertropfen und dem Ozean findet sich häufig in den Lehren der orientalischen Weisen wie zum Beispiel in den Dichtungen Rumi's.

Der Wassertropfen strebt seinem Ursprung zu

Jalaloddin Rumi wurde  in Balkh, heute Afghanistan, im Jahr 1207 geboren und starb 66 Jahre später in Konya, heute Türkei. Er war ein Sucher der aus dem Orient stammenden mystischen Weltanschauung, die unter der Bezeichnung Sufitum bekannt ist. Einer seiner spirituellen Lehrer war Farid ud-Din Attar, ein Sufi aus Nischapur im heutigen Iran. Attar ist Autor zahlreicher poetischer und literarischer Werke, wie zum Beispiel dem Buch "Die Konferenz der Vögel".

Die beiden vertreten in ihren zahlreichen Werken ein Menschenbild, das den Menschen aus einem physischen Körper und einer verborgenen bewussten Essenz bestehend begreift. Dabei entstammt diese unsichtbare Essenz aus einer nicht-physischen Ebene. Der Körper wird verglichen mit einem Rosenstock, der aus dem Erdboden wächst und aus Materie geformt ist. In der Morgendämmerung tauchen dann plötzlich Tautropfen auf den Rosenblütenbättern auf. Diese kleinen Tautropfen kommen mit der Brise am Morgen und obwohl sie auf den Blütenblättern erscheinen, sind sie kein Produkt der Blume. Die kleinen Tropfen kommen aus der Atmosphäre - oder metaphorisch gesprochen "vom Himmel" - und kehren nach einer begrenzten Zeit des gemeinsamen Daseins mit der Pflanze wieder zu ihrem Ursprung zurück.

Für Attar und Rumi sind die Tautropfen Symbole für das Bewusstsein eines Individuums. Eines Bewusstseins, das sich seiner selbst bewusst ist. Der Körper oder der materielle Anteil ist das Gefäß dafür. Rumi und Attar empfehlen ihren Hörern und Lesern Acht zu geben, nicht das Bewusstsein, bzw. das substanzielle Selbst mit seinem Gefäß oder dem Körper zu verwechseln. Der Körper ist aus materieller Substanz geschaffen und wird eines Tages zu Staub verwandelt werden, während die geistige Substanz (oder der Bewusstseinskern) aus der unsichtbaren Ebene - Alamol Ghayb/ Malakut - stammt, wohin sie wieder eingehen wird, wenn sie einst von ihrem Träger, also dem physischen Körper, befreit sein wird.

Attar und Rumi wiederholen den Hinweis Jesu, der einst zu einem seiner Schüler sagte: "ihr werdet das Reich Gottes nicht erlangen, wenn ihr nicht erneut geboren werdet". Rumi erzählt die Geschichte von dem indischen Papagei, der sich aus seinem ihm lieb gewonnenen Käfig befreit, indem er sich zum Schein totstellt.

Darüber hinaus gibt Attar ein anderes Beispiel, um dieses Geheimnis klarer werden zu lassen. Laut Attar ist der Aufenthalt in der Ebene des Malakut gleich zu setzen mit einer außerkörperlichen Erfahrung. Das bedeutet das Bewusstsein verlässt den physischen Körper und erfährt außersinnliche Wahrnehmungen.

Den physischen Körper kann man mit einem Berg vergleichen, er ist schwer und durch die Schwerkraft an die Erde gebunden. Das Bewusstsein wiederum können wir mit einem Wassertropfen vergleichen.

Wenn einem Wassertropfen ausreichend Energie zugeführt wird, verdampft er in die Atmosphäre (metaphorisch: in den Himmel) gleich wie ein befreiter und beschwingter Vogel, der sich in die Lüfte erhebt.

Die einzelnen Wassertropfen vereinigen sich auf dem Gipfel des Berges, wo sie große weiße Wolken formen. Die Wolke ist ein Symbol des kollektiven (gemeinsamen) Bewusstseins, während ein Wassertropfen sich auf das einzelne (individuelle) Bewusstsein bezieht. Wie sich ein Wassertropfen vom Fuße der Berge auf den Weg zu den Wolken über den Gipfeln macht, stellt den Weg der substanziellen Entwicklung dar. Vor ihrer gemeinsamen Reise zum Gipfel des mythischen Berges Qaf sind die 30 Tropfen in ihren jeweiligen Gefäßen wie die 30 Vögel in ihren jeweiligen Käfigen. Wenn sie sich verbinden, verwandeln sie sich in den einzigartigen Vogel namens Simorgh oder Phönix. Jeder Vogel sieht schließlich auf dem Gipfel angelangt, im Spiegel seines Bewusstseins die Reflexion dieses majestätischen und einem vielfarbigen Regenbogen gleichenden Vogels. Der Weg (die Methode) der substanziellen Entwicklung basiert in der Tat auf der Verwendung einer spezifischen Methode, die von den orientalischen Weisen angewandt wurde. Sie besteht darin seine Aufmerksamkeit auf sein Herz auszurichten. Ein Vogel auf dem Weg zu Simorgh/Phönix lernt die Methode der Herz Meditation von seinem Lehrer, der in Attar's Geschichte "Die Konferenz der Vögel" als Wiedehopf dargestellt wird. Der Wiedehopf geht voran und leitet die Vögel zum Gipfel des Bergs Qaf, wo sie dem Simorgh/Phönix/König der Vögel begegnen werden. Die Reise verläuft durch sieben Täler:

1. Sehnsucht und Suche, 2. Liebe, 3. Wissen von Innen, 4. Selbst-Genügsamkeit, 5. Einheit, 6. Erstaunen oder Begeisterung, 7. innere Armut und Auflösung der Egomuster

In Übereinstimmung mit der Methode der Herz Meditation fokussiert sich der Übende auf einen spezifischen Punkt am unteren Ende seines Herzmuskels namens Soveida. Entsprechend der Weisheit aus dem Orient besteht das Herz aus sieben Schichten, die über einander liegen und den vorhin erwähnten sieben Tälern entsprechen. Das letzte Tal ist Soveida, das auch Schwarzes Loch genannt wird. Für einen Sufi gilt Soveida als Durchgangstor aus der göttlichen Sphäre des Unsichtbaren in unsere dreidimensionale Welt. Gemäß den Sufis tritt das Bewusstsein oder die Geistseele vier Monate nach der Empfängnis des Kindes durch dieses Schwarze Loch in den physischen Körper ein. Soveida ist Ein- und Ausgangstor zu einem Übergangstunnel, der zwischen sichtbarer Welt der Sinne (molk/shahadat) und der für unsere fünf Sinne unsichtbaren Welt (alamol ghayb/malakout) liegt. Dieser Tunnel wird Barzakh genannt.

So geht die Meditation: Der Suchende richtet seine Aufmerksamkeit auf dieses Schwarze Loch an der tiefsten Stelle des Herzmuskels und wiederholt im Geiste einen der Namen des kosmischen Schöpfers. Er konzentriert sich auf den Vorgang der göttlich-geistigen Erleuchtung im Spiegel seines Herzens. Dadurch entwickelt der Übende auf dem Weg der Selbsterkenntnis allmählich die Fähigkeit übersinnlich wahrzunehmen, seine Gaben wie die Intuition, die Inspiration, die Kontemplation und die Telepathie entwickeln sich weiter.

"Mein Herz empfängt zahlreiche Botschaften von deinem Herzen, es gibt eine verborgene Verbindung zwischen unseren Herzen." Rumi

Die Kunst der Sufi Meister wie Rumi und Attar besteht darin die Form ihrer Dichtungen zu nutzen, um ihre feinsinnige Botschaft zu vermitteln. Die Parabeln und Geschichten liegen in einem poetischen Rahmen vor. Doch diese Botschaften sind auch ebenso durch Malerei und Bildkunst vermittelt worden. Zwischen Jesus und Mohammed lebte der Prophet Mani, der ein großer Künstler war, der auch gemalt hat. Mani war ein Dichter, der seine Lehren illustriert hat. Er hat zahlreiche Bücher hinterlassen, von denen Arjang am bekanntesten ist. Mani hat die Technik der Miniaturmalerei aus China mitgenommen und die davon inspirierte Kunst mystischer Malerei im Iran erschaffen. Dieser Malereistil hat das Auftreten des Islams in der muslimischen Welt überdauert.

Hafis war auch ein Meister des Sufitums und Dichter mystischer Poesie. Er lebte im 15. Jahrhundert im damaligen Persischen Reich. Er verglich seine eigene Art Gedichte zu schreiben, in denen er die Geheimnisse der unsichtbaren Welt andeutete, mit der Illustrationskunst Manis.

© Seyed M. Azmayesh, Vortrag vom 13. Januar 2017 zur Eröffnung der Ausstellung "Vibrations" in Brüssel, Belgien, Übersetzung aus dem Französischen durch Helmut N. Gabel

Erfahrungen mit Leib und Seele - Nahtoderfahrungen und die Weisheit des Herzens

Nahtoderfahrungen sind laut neuen wissenschaftlichen Studien konkrete, außerkörperliche Erfahrungen unserer Seele, unseres inneren Wesenskerns. Sie werden durch Unfälle oder andere schockartige Ereignisse ausgelöst. Dabei kann die Seele entweder Lichterlebnisse erfahren oder sie erlebt physisch-reale Vorgänge im weiteren Umfeld des Körpers, mit dem sie noch verbunden ist. Autoren wie Raymond Moody, Pim van Lommel oder Eben Alexander beschreiben dieses Phänomen in ihren Werken.

Ist auch ein willentlicher Übertritt in die Sphäre dieser Erfahrungswelt möglich? Mystiker erzählen von einem Gespräch Jesu mit einem seiner Schüler, in dem er ihm das Prinzip "Stirb, bevor Du stirbst" erläutert. Die Botschaft dieser Formel lautet: ein gewöhnlicher Mensch kann Methoden einüben und anwenden, durch die er seine Seele reifen lässt, bis sie kräftig genug ist, all ihre Anhaftungen loszulassen und willentlich außerkörperliche Erfahrungen zu erreichen.

Sinn und Zweck dieser mit Mühen und Disziplin verbundenen Übungen ist es, eine größere innere Freiheit zu erlangen, um verantwortlich und kraftvoll die Welt mit zu gestalten.

Solche Übungswege beschreiben Mystiker aller spirituellen Traditionen. Es handelt sich um seriöse, mehrstufige Wege, die unterschiedliche Daseinsschichten im Menschen ansprechen. Laut Dr. Seyed M. Azmayesh, einem in Paris lebenden Sufimeister und Bewusstseinsforscher, sollen solche Übungswege den Bezug zum inneren Wesenskern stärken und damit Schöpfungskraft und Liebesfähigkeit allmählich erweitern.

Es geht dabei u.a. um die immer tiefer werdende Verbindung der lebendigen Rhythmik des physischen Herzschlags mit der „Seelenrhythmik“ durch spezielle Meditationsformen.  So öffnen sich neue außerkörperliche Erfahrungswelten für die liebende Verbundenheit mit den Menschen und der Welt und für unser schöpferisches Potential.

Weitere Infos: www.herzmeditation.eu

Helmut N. Gabel

Die Sendung WDR3 Lebenszeichen vom 26.10.2014 berichtet aus der Kirche der Stille in Hamburg

Geistige Kraft und Selbstkompetenz stärken und erweitern durch aktive Herz-Meditation

Wenn wir uns unser Leben kurz vor Augen halten, können wir uns unter anderem auch an Momente erinnern, in denen wir aus einem inneren Gleichgewicht gefallen sind oder uns verzweifelt, ohnmächtig und hilflos gefühlt haben.

Solche Situationen können nicht nur unsere innere Ruhe ins Wanken bringen, sondern haben zur Folge, dass wir uns tiefe Lebensfragen stellen und womöglich den Sinn unseres Lebens hinterfragen.

Wege und Methoden zur geistigen Entwicklung bestärken Interessierte und vor allem Praktizierende darin solche Momente der Unruhe zu überwinden und hinter sich zu lassen und innere Ruhe durch eine Stärkung unserer tiefsten Wesenssubstanz zu erlangen.

Zu Zeiten von Überfällen auf mit Zinnen und Mauern bewehrte Städte war es üblich, dass die Angreifer die Stadt umzingelt und die Wasserversorgung unterbrochen haben, damit die Bewohner bald verzweifeln und die Stadttore öffnen. Es gab aber auch Städte, die ihre Brunnen innerhalb der Stadtmauern hatten und sich nicht zu sorgen brauchten.

Für uns alle sind die "Feinde am Eingangstor" unsere Unsicherheiten und Sorgen, denen wir im Leben begegnen, während der Brunnen die innere Quelle im Herzen, die andauernd sprudelt, darstellt.

Wir sind im Besitz unserer vollen geistigen Kräfte, wenn wir uns zu unserer Essenz durchgearbeitet haben und uns an unsere innere Kraftquelle willentlich anschliessen können. Somit haben wir einen ruhigen Sinn und können mit Gelassenheit durch die unruhigen Wellen von Gefühlsstürmen manövrieren, die manche Menschen versinken lassen.

Das nennen wir Selbstkompetenz, innere Ruhe, gesundes Selbst-Bewusstsein oder geistige Kraft.

Wer sich an seine innere Kraftquelle anschliessen kann, wird nicht mehr von Erscheinungen der äußeren Welt getrieben oder macht sich abhängig von äußeren Formen. In diesem Stadium sind wir an eine Ebene angeschlossen, die man universelles oder kosmisches oder Über- Bewusstsein nennen kann, aus dem die Welt der Formen und alles Materielle hervorgegangen ist.

Wer sich hier hingearbeitet hat, lebt frei von Phantastereien und illusorischen Vorstellungen, ist sich seines Handelns voll bewusst, ist erwacht und erleuchtet, wodurch die eigenen Triebe und Emotionen gemeistert werden.

Um einen Brunnen auszuheben, muss man tief graben. So verhält es sich auch mit den Wegen zur Erlangung geistiger Kraft. Es gilt viele Bewusstseinsschichten zu durchdringen, um zum innersten Kern zu gelangen. Was wir als "Ich" bezeichnen und womit wir uns identifizieren besteht aus einer Vielzahl von Schichten, die wir nach und nach besser erkennen lernen.

Es ist vergleichbar mit einer Reise durch vielfältige Regionen. Auf dieser Reise begegnen wir Antworten auf drei grundlegende Lebensfragen, die wir uns mehr oder weniger alle schon gestellte haben. Diese klassischen Fragen lauten: Wer bin ich? Woher stamme ich? Wozu bin ich hier auf der Erde?

Unser Leben wird sich in Abhängigkeit zu den Antworten, die wir auf diese Fragen haben, gestalten. Selbst wenn wir uns entscheiden keine Antworten auf diese Fragen zu finden, haben wir damit eine Entscheidung getroffen, die den weiteren Verlauf unseres Lebens stark bestimmen wird.

Ein ganzheitliches Bewusstsein spricht man denjenigen Menschen zu, die ihre eigenen Antworten zu diesen grundlegenden Fragen gefunden haben.

Das bedeutet, dass geistige Kraft* gewissermassen gleichzusetzen ist mit einem Zustand des vollkommenen Sich-seiner-selbst-Bewusstseins. Der Ausgangspunkt zu diesem Zustand ist unser Herz.

Mehrdad Noorani

* Im Englischen wird "geistige Kraft" als "spiritual Empowerment" gebraucht.

Beispiel für einen Rhythmus auf der Tombak

Rezitation Âdam âmad als Hörbeispiel

Ein Hörbeispiel einer Rezitation eines einfachen Rhythmus. (Âdam âmad)

Für alle Interessierten der Meditations-Workshops und Einführungskurse zur Erinnerung und als Anschauungsmaterial, das nicht eine Originalrezitation gleichwertig ersetzt!

Weitere Rezitationen und auf der Daf gespielte Rhythmen werden folgen.

Das schwingende Herz der Sufis

Das menschliche Herz, einige Aspekte seiner Funktionsweise und die Bedeutung für den spirituellen Anteil eines Individuums. Der Film beschreibt in vier Schritten wodurch und wie Sufis ihre innere Natur stärken.

Teil 1 - Das Selbst erkennen

wie lässt sich Selbsterkenntnis betreiben, wie verstehen? Unterschied zwischen Wissen und Intuition. Rationalität und Spiritualität ergänzen sich und stehen sich nicht entgegen.

Teil 2 - Das Selbst erkennen

wie lässt sich Selbsterkenntnis betreiben, wie verstehen? Übersinnliche Wahrnehmung und die Methode der Selbsterkenntnis.

Teil 3 - Das Selbst erkennen

wie lässt sich Selbsterkenntnis betreiben, wie verstehen? Grenzen der Wissenschaft, Gnostik beginnt außerhalb der fünf Sinne. Erkennen des inneren Kerns des Menschen.

Teil 4 - Das Selbst erkennen

wie lässt sich Selbsterkenntnis betreiben, wie verstehen?  Was bedeutet überhaupt Selbsterkenntnis? Können uns Methoden der Psychologie helfen uns selbst zu erkennen.