Schneeflocken – das Prinzip der Vielfalt in der Einheit

Der mythische Vogel Simorgh/Phönix

Der Ozean ist ein Gebilde, das aus unzähligen Wassertropfen besteht. Er bildet ein Symbol für Einssein und Verbindung. Die Wassertropfen, die einen Ozean ausmachen, behalten ihr eigenes Charakteristikum und ihre eigenen Besonderheiten, während sie in ständigem Informationsaustausch sind, in einem Verhältnis zu einander stehen und miteinander verbunden sind.

Um diesen Aspekt besser zu verstehen, werden wir diesem Mysterium auf die Spur zu kommen versuchen.

Durch Veränderung der Temperatur wird ein Wassertropfen entweder verdampfen oder zu einem Eiskristall gefrieren, je nachdem, ob wir die Temperatur erhöhen oder senken. Unter bestimmten Luftdruckbedingungen nehmen Schneeflocken die Struktur hexagonaler Sterne an. Laut dem kanadischen Astrophysiker Hubert Reeves gehorchen die Schneeflocken einem Naturgesetz, das ihnen diese besondere Form aufzwingt, ihnen aber gleichzeitig Raum für Diversifikationen lässt. Aus diesem Grund unterscheidet sich jede Schneeflocke ein wenig von allen anderen. Die Struktur eines Hexagons bildet die Grundform jeder Schneeflocke, doch hat die einzelne Schneeflocke den Spielraum eine Variation auszuformen und dadurch etwas Einzigartigkeit zu erreichen. Dieser Unterschied wird in seinem festen kristallinen Zustand sichtbar und bleibt verborgen in seinem wässrigen oder luftförmigen Zustand. Somit ist jeder Tropfen einzigartig. Dadurch wird der Ozean zum Ort der Einheit und Vielfalt zugleich. Dieses Beispiel mit dem Wassertropfen und dem Ozean findet sich häufig in den Lehren der orientalischen Weisen wie zum Beispiel in den Dichtungen Rumi’s.

Der Wassertropfen strebt seinem Ursprung zu

Jalaleddin Rumi wurde  in Balkh, heute Afghanistan, im Jahr 1207 geboren und starb 66 Jahre später in Konya, heute Türkei. Er war ein Sucher der aus dem Orient stammenden mystischen Weltanschauung, die unter der Bezeichnung Sufitum bekannt ist. Einer seiner spirituellen Lehrer war Farid ud-Din Attar, ein Sufi aus Nischapur im heutigen Iran. Attar ist Autor zahlreicher poetischer und literarischer Werke, wie zum Beispiel dem Buch „Die Konferenz der Vögel“.

Die beiden vertreten in ihren zahlreichen Werken ein Menschenbild, das den Menschen aus einem physischen Körper und einer verborgenen bewussten Essenz bestehend begreift. Dabei entstammt diese unsichtbare Essenz aus einer nicht-physischen Ebene. Der Körper wird verglichen mit einem Rosenstock, der aus dem Erdboden wächst und aus Materie geformt ist. In der Morgendämmerung tauchen dann plötzlich Tautropfen auf den Rosenblütenbättern auf. Diese kleinen Tautropfen kommen mit der Brise am Morgen und obwohl sie auf den Blütenblättern erscheinen, sind sie kein Produkt der Blume. Die kleinen Tropfen kommen aus der Atmosphäre – oder metaphorisch gesprochen „vom Himmel“ – und kehren nach einer begrenzten Zeit des gemeinsamen Daseins mit der Pflanze wieder zu ihrem Ursprung zurück.

Für Attar und Rumi sind die Tautropfen Symbole für das Bewusstsein eines Individuums. Eines Bewusstseins, das sich seiner selbst bewusst ist. Der Körper oder der materielle Anteil ist das Gefäß dafür. Rumi und Attar empfehlen ihren Hörern und Lesern Acht zu geben, nicht das Bewusstsein, bzw. das substanzielle Selbst mit seinem Gefäß oder dem Körper zu verwechseln. Der Körper ist aus materieller Substanz geschaffen und wird eines Tages zu Staub verwandelt werden, während die geistige Substanz (oder der Bewusstseinskern) aus der unsichtbaren Ebene – Alamol Ghayb/ Malakut – stammt, wohin sie wieder eingehen wird, wenn sie einst von ihrem Träger, also dem physischen Körper, befreit sein wird.

Attar und Rumi wiederholen den Hinweis Jesu, der einst zu einem seiner Schüler sagte: „ihr werdet das Reich Gottes nicht erlangen, wenn ihr nicht erneut geboren werdet“. Rumi erzählt die Geschichte von dem indischen Papagei, der sich aus seinem ihm lieb gewonnenen Käfig befreit, indem er sich zum Schein totstellt.

Darüber hinaus gibt Attar ein anderes Beispiel, um dieses Geheimnis klarer werden zu lassen. Laut Attar ist der Aufenthalt in der Ebene des Malakut gleich zu setzen mit einer außerkörperlichen Erfahrung. Das bedeutet das Bewusstsein verlässt den physischen Körper und erfährt außersinnliche Wahrnehmungen.

Den physischen Körper kann man mit einem Berg vergleichen, er ist schwer und durch die Schwerkraft an die Erde gebunden. Das Bewusstsein wiederum können wir mit einem Wassertropfen vergleichen.

Wenn einem Wassertropfen ausreichend Energie zugeführt wird, verdampft er in die Atmosphäre (metaphorisch: in den Himmel) gleich wie ein befreiter und beschwingter Vogel, der sich in die Lüfte erhebt.

Die einzelnen Wassertropfen vereinigen sich auf dem Gipfel des Berges, wo sie große weiße Wolken formen. Die Wolke ist ein Symbol des kollektiven (gemeinsamen) Bewusstseins, während ein Wassertropfen sich auf das einzelne (individuelle) Bewusstsein bezieht. Wie sich ein Wassertropfen vom Fuße der Berge auf den Weg zu den Wolken über den Gipfeln macht, stellt den Weg der substanziellen Entwicklung dar. Vor ihrer gemeinsamen Reise zum Gipfel des mythischen Berges Qaf sind die 30 Tropfen in ihren jeweiligen Gefäßen wie die 30 Vögel in ihren jeweiligen Käfigen. Wenn sie sich verbinden, verwandeln sie sich in den einzigartigen Vogel namens Simorgh oder Phönix. Jeder Vogel sieht schließlich auf dem Gipfel angelangt, im Spiegel seines Bewusstseins die Reflexion dieses majestätischen und einem vielfarbigen Regenbogen gleichenden Vogels. Der Weg (die Methode) der substanziellen Entwicklung basiert in der Tat auf der Verwendung einer spezifischen Methode, die von den orientalischen Weisen angewandt wurde. Sie besteht darin seine Aufmerksamkeit auf sein Herz auszurichten. Ein Vogel auf dem Weg zu Simorgh/Phönix lernt die Methode der Herz Meditation von seinem Lehrer, der in Attar’s Geschichte „Die Konferenz der Vögel“ als Wiedehopf dargestellt wird. Der Wiedehopf geht voran und leitet die Vögel zum Gipfel des Bergs Qaf, wo sie dem Simorgh/Phönix/König der Vögel begegnen werden. Die Reise verläuft durch sieben Täler:

1. Sehnsucht und Suche, 2. Liebe, 3. Wissen von Innen, 4. Selbst-Genügsamkeit, 5. Einheit, 6. Erstaunen oder Begeisterung, 7. innere Armut und Auflösung der Egomuster

In Übereinstimmung mit der Methode der Herz Meditation fokussiert sich der Übende auf einen spezifischen Punkt am unteren Ende seines Herzmuskels namens Soveida. Entsprechend der Weisheit aus dem Orient besteht das Herz aus sieben Schichten, die über einander liegen und den vorhin erwähnten sieben Tälern entsprechen. Das letzte Tal ist Soveida, das auch Schwarzes Loch genannt wird. Für einen Sufi gilt Soveida als Durchgangstor aus der göttlichen Sphäre des Unsichtbaren in unsere dreidimensionale Welt. Gemäß den Sufis tritt das Bewusstsein oder die Geistseele vier Monate nach der Empfängnis des Kindes durch dieses Schwarze Loch in den physischen Körper ein. Soveida ist Ein- und Ausgangstor zu einem Übergangstunnel, der zwischen sichtbarer Welt der Sinne (molk/shahadat) und der für unsere fünf Sinne unsichtbaren Welt (alamol ghayb/malakout) liegt. Dieser Tunnel wird Barzakh genannt.

So geht die Meditation: Der Suchende richtet seine Aufmerksamkeit auf dieses Schwarze Loch an der tiefsten Stelle des Herzmuskels und wiederholt im Geiste einen der Namen des kosmischen Schöpfers. Er konzentriert sich auf den Vorgang der göttlich-geistigen Erleuchtung im Spiegel seines Herzens. Dadurch entwickelt der Übende auf dem Weg der Selbsterkenntnis allmählich die Fähigkeit übersinnlich wahrzunehmen, seine Gaben wie die Intuition, die Inspiration, die Kontemplation und die Telepathie entwickeln sich weiter.

„Mein Herz empfängt zahlreiche Botschaften von deinem Herzen, es gibt eine verborgene Verbindung zwischen unseren Herzen.“ Rumi

Die Kunst der Sufi Meister wie Rumi und Attar besteht darin die Form ihrer Dichtungen zu nutzen, um ihre feinsinnige Botschaft zu vermitteln. Die Parabeln und Geschichten liegen in einem poetischen Rahmen vor. Doch diese Botschaften sind auch ebenso durch Malerei und Bildkunst vermittelt worden. Zwischen Jesus und Mohammed lebte der Prophet Mani, der ein großer Künstler war, der auch gemalt hat. Mani war ein Dichter, der seine Lehren illustriert hat. Er hat zahlreiche Bücher hinterlassen, von denen Arjang am bekanntesten ist. Mani hat die Technik der Miniaturmalerei aus China mitgenommen und die davon inspirierte Kunst mystischer Malerei im Iran erschaffen. Dieser Malereistil hat das Auftreten des Islams in der muslimischen Welt überdauert.

Hafis war auch ein Meister des Sufitums und Dichter mystischer Poesie. Er lebte im 15. Jahrhundert im damaligen Persischen Reich. Er verglich seine eigene Art Gedichte zu schreiben, in denen er die Geheimnisse der unsichtbaren Welt andeutete, mit der Illustrationskunst Manis.

© Seyed M. Azmayesh, Vortrag vom 13. Januar 2017 zur Eröffnung der Ausstellung „Vibrations“ in Brüssel, Belgien, Übersetzung aus dem Französischen durch Helmut N. Gabel

Mein Herz ist ein Ofen, der sich mit Feuer begnügt.
Dem Ofen reicht es, ein Haus der Flammen zu sein!

Dschelaledin Rumi, genannt Maulana (13. Jhd)