Scheuklappen als Orientierungshilfen – Eine Sufi-Geschichte zum Nachlesen und Musik zum Nachsinnen

Foto: Anaareh Saaveh - mahan07, CC BY 2.0

Mausoleum des Sufi Meisters Schah Nematollah Vali, Mahan, Iran

An einem sonnigen Tag pilgerte ein Sufi Meister mit Namen Sarat zusammen mit seinem Schüler Talib auf den Berg Sinai. Der Sinai spielt in der Überlieferung eine große Rolle, da auf diesem Berg Moses seinem Herrn begegnet ist und dort von ihm den Auftrag zur Befreiung seines Volkes bekommen hat. Talib war ein Novize, der noch nie ein Maultier geritten hatte. Es grauste ihm vor dem Aufstieg und er bekam jedes Mal Angst, wenn das Maultier seine Hufe nah an den Abgrund setzte – immer wieder sah er sich samt Maultier in die steile Schlucht herabstürzen.

Sarat bemerkte das Unwohlsein seines Schülers und wandte sich an ihn: „Sorge Dich nicht mein Sohn, diese Maultiere sind die engen Pfade gewohnt, sei versichert sie wissen, wie sie diesen engen Pfad am steilen Abhang gehen können. Ich schlage Dir vor, Deine Angst vor dem Abgrund zu überwinden, indem Du Deinen Fokus auf die Unterweisung richtest, die ich Dir gab, bevor wir aufgebrochen sind. Konzentriere Dich auf das Konzept der Rückschau und Gewissensprüfung (Mohassebeh) und wie Du durch eine regelmäßige Anwendung Deine geistige Entwicklung voranbringen kannst.“

Der Schüler folgte diesem Rat, um nicht dauernd den gefährlichen Aufstieg und das Absturzrisiko vor Augen zu haben. Er begann über das Konzept der Gewissenprüfung nachzudenken, doch trotz seiner gründlichen Abwägung, konnte er keinen Zusammenhang mit seiner spirituellen Entwicklung zu einer inneren geistigen Vollendung herstellen. Immerhin war es ja nur ein täglich sich wiederholendes Ritual, dem er keine innere Verwandlungskraft zutraute und das er für nicht wirksam für eine Verbindung zu Gott einschätzte. Nach einer Weile kam er nicht mehr weiter in der Sache und sprach seinen Meister an: „Meister, wenn die spirituelle Suche einfach aus Ritualen wie Mohassebeh oder etwas Anbetung bestünde, müssten doch die Priester, die sich ihr Leben lang mit solchen Ritualen beschäftigen, allesamt erleuchtet sein. Da gehört doch noch mehr dazu, oder?“

Sarat antwortete lächelnd: „Sicher, es gibt bei einer spirituellen Entwicklung weit mehr als die Ausübung von Ritualen. Wenn man nicht achtsam vorgeht, können auch alle möglichen Rituale in die Irre führen. Das Ego kann sehr leicht alle Erfahrungen verbiegen und missbrauchen. Die Gewissensprüfung ist mehr als ein Ritual, da sie richtig ausgeführt, zum Schild gegen die Angriffe des Egos wird.“

Talib, bei dem der Groschen noch nicht gefallen war, rieb sein Kinn und erwiderte: „Aber Meister, wie genau wendet Ihr Mohassebeh an und – wie habt Ihr das gelernt?“ Sarat lächelte immer noch wohlwollend: „Das ist nicht schwer, mein Lieber! Mohassebeh habe ich von diesem Maultier gelernt. Ich habe jetzt mein Leben in seine Hände gelegt, da wir diesen unberechenbaren Pfad heraufklettern.“

Diese Antwort verwirrte den Schüler mehr, als dass sie etwas aufklärte und er kratzte sich etwas verzweifelt den Kopf: „Aber Meister! Wie kann Dich dieses Maultier denn das Konzept der Gewissensprüfung und Rückschau lehren?“Jetzt lachteder Meister: „Mein Sohn, jede Lebenssituation kann uns lehren, wenn wir offen und empfänglich für die Lehren des Lebens sind. Der große Sufi Meister Dschunaid wurde einst gefragt, wer ihn die Durchführung von Moraghebeh‘, einer Hinwendung zum eigenen Herzschlag, gelehrt hat. Seine Antwort lautete: ‚Eine Katze, der ich einst zusah!‘ Das heißt er beobachtete eine Katze, wie sie vor einem Mauseloch lauerte. Wenn eine Katze einer Maus auflauert, ist sie voll und ganz auf die Beute konzentriert und lässt sich nicht ablenken! Auf diese Weise lernte Dschunaid sich wie eine Katze zu konzentrieren, wenn er seine Herz-Fokussierung Übung (Moraghebeh) durchführte. Jetzt verstehst Du, dass meine Antwort auf Deine Frage sich nicht von Dschunaids Antwort unterscheidet.“

Talib betrachtete sein Maultier, dann das Maultier seines Meisters, um Hinweise auf Antworten für seine Fragen zu bekommen. Doch in beider Verhalten fand er nicht den geringsten Hinweis zu der Durchführung von Mohassebeh. So dachte er bei sich, „Um Himmels Willen, ich muss ja wahrlich dumm sein, denn wenn ein Maultier Mohassebeh so durchführen kann, dass mein Meister davon lernt, muss ich ja dümmer sein als dieses tumbe Maultier!“

Als Talib letztlich mit seinen Gedanken nicht weiterkam, wandte er sich nochmals an seinen Meister: „Bei meinem Leben Meister, ich komme nicht darauf, wie Ihr die Durchführung von Mohassebeh bei Eurem Maultier lernt. Was mir auch nicht einfallen will, ist wie ich mich so entwickeln kann, dass mir mein Ego nicht meine Erfahrungen abluchsen kann. Jetzt habe ich Euer und mein Maultier fast eine Stunde lang beobachtet und bin immer noch ratlos. Wenn dieses Maultier Euer Lehrer ist, muss ich der Dümmste auf der Welt sein. Vielleicht sollte mein Maultier besser auf mir reiten, anstatt ich auf dem Maultier.“

Sarat musste über die Anmerkungen seines Schülers lachen. Gerade als sie eine Engstelle nah am Abgrund passierten, gab er zu bedenken: „Mein Sohn! Alle Wahrnehmungsformen sind Spiegel der eigenen Aufnahmefähigkeit, des eigenen Wissens, der eigenen Weisheit und letztlich der eigenen Verbindung mit der göttlichen Sphäre – alles Geschenke himmlischer Gnade! – Jetzt lass mich meine Gedanken erläutern, während uns die Maultiere weiter den Weg hochtragen. Ab dem Moment, wo jemand den Pfad spiritueller Entwicklung zu gehen beginnt, hat er oder sie es mit einem unerwünschten Begleiter zu tun. Dieser unsichtbare Gast zeigt seinen Schatten, sobald göttliches Licht auf unseren Weg scheint, so wie unsere Schatten auf den Berg fallen, wenn die Sonne auf uns scheint. Zu Beginn unserer Reise zeigt uns unser unsichtbare Gast nur einige seiner Masken, besonders jene, die schon bei schwachem Licht sichtbar werden. Doch sein mächtigstes und dunkelstes Gesicht bleibt verborgen, während dieser Gast hinter uns lauert und sich von unserem Verhalten ernährt. Um unsere Entwicklung zu verhindern, zeigt der Gast seine schwächeren Gesichter, behält aber die schrecklicheren und wirkmächtigeren Seiten seines Wesens verborgen. Diese machtvolle Seite unseres verborgenen Gasts, wird immer verborgen bleiben, wenn wir schon den weniger mächtigen Seiten unterliegen. Doch wenn wir stark genug sind diese schwächeren Schatten zu überwinden, sitzt uns der Gast geduldig im Nacken und ernährt sich gleichermaßen von unseren guten und bösen Handlungen. Doch mit unserer Entwicklung, hat der unsichtbare Gast mehr Kraft gewonnen und wartet auf den richtigen Augenblick. Wenn wir in unserer spirituellen Entwicklung durch die Gnade Gottes seinen Schatten sehen könnten, würden wir seine Macht wachsen und uns ganz mit seinem Schatten bedecken sehen. Dies ist der Schatten, der aus unseren Ansprüchen und unserem Stolz erwächst, der wiederum genährt wird durch unsere Anbetungen und unsere Kenntnisse. Dieser wachsende Stolz schafft Distanz zwischen unseren Mitmenschen und uns, da wir uns mit der Zeit beginnen höherwertig ihnen gegenüber zu fühlen. Das bringt uns dazu zu meinen, wir seien durch unsere erworbenen Kenntnisse und Anbetungen berechtigt, anderer Menschen Gedanken, Handlungen und Leben zu überwachen und zu beurteilen.“

„Verstehst Du? Dieser ungebetene Gast macht uns glauben, wenn wir rechtschaffen handeln, seien wir näher bei Gott als die übrigen Menschen und dadurch seien wir berufen, andere zu beurteilen und nur wir seien in der Lage, sie zum Eins Sein zu geleiten. Bald sind wir dann überzeugt, dass Menschen, die unserem Rat nicht folgen oder uns nicht gehorchen, ungehorsam gegenüber Gott sind und bestraft werden müssen. Der ungebetene Gast flüstert uns dann ein, es sei eine von Gott befohlene Pflicht alle Handlungen zu bestrafen, die wir als „gottlos“ einschätzen! Schließlich denkt man, durch die größere Nähe zu Gott und die dauernde Anbetung, kenne man auch Seine Wünsche besser!“

„Dieser ungebetene Gast ist kein anderer als Dein Ego. Sein verborgenes und tödlichstes Gesicht ist im Stolz und in den Ansprüchen begründet, die durch jede Deiner Handlungen genährt werden, ganz besonders durch die Handlungen, die Du als gut einschätzt. Es ist dieser ungebetene Gast, der bald Dein wahres Selbst ersetzt und Deinen Körper stattdessen beherrscht. Dieser Usurpator ist die wirkliche Person all jener, die den Tricks ihres ungebetenen Gasts erlegen sind – so wie die Kleriker, die sich Gott am nächsten wähnen. Das entbehrt nicht einer großen Tragik, denn in Wahrheit sind sie die unglücklichsten und fehlgeleitetsten Geschöpfe – sie meinen Gottes Werk zu verrichten und sind Sklaven ihres Schattens!“

Talib schwieg, dachte nach und öffnete das Gespräch wieder mit einer neuen Frage: „Meister, wenn man durch Anbetung Gott nicht näherkommt, wozu nutzen sie? Und wenn jene, die anbeten Gott nicht nahe sind, wer ist Gott am nächsten?“

Sarat ließ sein Maultier anhalten, wandte sich Talib zu und zeigte auf die Mittagssonne: „Jene, die Gott am nächsten sind, sind die, deren Gewissen wach ist und die einen Sinn für Demut haben. Doch alleine Gott kennt sie! Aber eines ist sicher, der ungebetene Gast dieser Leute wird täglich beleuchtet und jeder Moment ist eine Gelegenheit zur Gewissensüberprüfung! Die Gewissensüberprüfung mindert den Schatten, so wie unser Schatten kleiner wird, wenn die Mittagssonne genau über unseren Köpfen steht! Siehst Du mein Sohn, das Gewissen solcher Leute gründet nicht auf Selbsterhöhung oder Selbstgerechtigkeit, sondern darin Gerechtigkeit für andere zu schaffen, selbst wenn diese Gerechtigkeit dem eigenen Nutzen entgegenläuft! Sie erreichen das alles durch die Gewissensprüfung, denn diese entzieht dem ungebetenen Gast die Kraft und unterbindet seine Entwicklung zu einem allmächtigen Biest! Ohne Gewissensprüfung mutieren Anbetungen zu Selbst-Anbetungen und nicht zu Hingabe an das Göttliche. Doch in Verbindung mit Mohassebeh wird Deine Verehrung ein Spiegel, in dem die göttliche Sonne sich selbst sehen kann und sie leuchtet so hell hinein, dass andere diese göttliche Energie in Deiner Nähe spüren können, selbst wenn Du das nicht brauchst oder Dir wünschst!“

Talib versenkte sich tief in diese Äußerungen seines Meisters, er merkte nicht einmal mehr, dass er auf einem Maultier, das enge Gebirgspfade bezwang, saß. Er starrte auf sein Maultier und hatte den Abgrund vergessen. Er versuchte erneut zu verstehen, wie sein Meister Gewissensprüfung von seinem Maultier gelernt hatte. Doch er kam nicht drauf und so richtete er seine Frage erneut an den Meister: „Oh Meister, selbst nach all dem, was Du zuletzt gesagt hast, aber ich kapiere immer noch nicht, wie Du Mohassebeh von Deinem Maultier gelernt hast, vor allem so, dass Dein Ego verhungert und Du es kontrollieren kannst?“

Sarat streichelte dankbar sein Maultier, während das Tier den immer steileren Anstieg mit langsamen Schritten bewältigte. Er antwortete: „Mein Sohn, dieses Maultier ist nicht nur ein Tier, das mein Gewicht trägt und mir auf meinen beschwerlichen Reisen hilft. Es ist auch mein Gefährte auf meinem spirituellen Weg. Ein wahrhaft Suchender sieht auf seinem Weg lauter Gefährten, die ihn in dieser Welt begleiten. Da wir diese Reise gemeinsamen unternehmen, bin ich manchmal der Lehrer meines Maultieres und manchmal ist es mein Lehrer. Auf diese Weise hat mich mein Maultier die unschätzbaren Prinzipien der Gewissensprüfung gelehrt.“

„Ich weiß, dass Du fürchtest in diese tiefe Schlucht hinabzustürzen, wenn das Maultier einen falschen Schritt tun sollte. Aber weißt Du, was es daran hindert?“ Talib wusste es nicht: „Nicht wirklich Meister! Vielleicht weil es den Weg kennt?“

„Ja zum Teil ist das sicher so. Was das Maultier davon abhält, wie Du in Furcht vor dem Abgrund zu verfallen, ist seine absolute Konzentration auf seinen vor ihm liegenden Weg. Das gelingt ihm mit Hilfe seiner Scheuklappen. Sie verhindern den Blick zur Seite, wodurch kein sichtbarer Grund seine Aufmerksamkeit von dem vor ihm liegenden Abschnitt ablenken kann. So kann sich mein Maultier ohne Ablenkungen vorankommen. So hat mir mein Maultier Prinzipien der Gewissensprüfung beigebracht. Ich habe seine Handlungen beobachtet und dachte mir, ich könnte auf meiner Reise auch Scheuklappen gebrauchen. Doch meine Scheuklappen sind natürlich nicht physisch, sondern geistig!“

„Auf meine linke Scheuklappe habe ich alle meine Sünden und unangebrachten Handlungen verbucht, die ich täglich betrachte, um meine Schuld bei anderen auflösen zu können. Diese Scheuklappe zu meiner Linken hilft mir, mich zurückzuhalten in der Beurteilung des Verhaltens anderer oder mich höherwertig zu wähnen, jedes Mal wenn ich jemanden etwas tun sehe, das ich nicht erstrebenswert finde. Man kann also sagen, dass meine Scheuklappe zur Linken eine Liste enthält, die meines Schutzengels Liste aller meiner schlechten Handlungen gleicht, so dass ich nicht überrascht sein werde, wenn ich im nachtodlichen Leben dafür geradestehen muss, während ich gleichzeitig daran arbeiten kann Korrekturen oder Ausgleich vorzunehmen.“

„Auf der Scheuklappe zu meiner Rechten habe ich alle Versäumnisse, Momente des Versagens, meine Unzulänglichkeiten und meine sogenannten ‚guten Taten‘ aufgeschrieben. Meine sogenannten ‚guten Taten‘ sollen ja meinen ungebetenen Gast auf meinem Entwicklungsweg nicht nähren und ich sollte auch nicht erfüllt von Stolz sein, wenn ich diese Welt verlasse und mir meine Schutzengel alle Taten vor Augen führen. Also überqueren mein Maultier und ich diese schmale Kante, welche wie meine spirituelle Reise verläuft, mit Hilfe von Scheuklappen. Wenn diese zwei Scheuklappen nicht wären, würde ich wie Du denken, dass das Maultier auf mir reiten sollte und nicht ich auf ihm! Denn in diesem Fall könnte das Maultier den geraden Weg besser sehen als ich!“

Talib sann nach und erwiderte: „Aber Meister, werden mich solche Scheuklappen davor bewahren vom Weg abzukommen, wenn mein ungebetener Gast alle meine Erfahrungen aufsaugt?“

Sarat seufzte: „Nicht ganz mein Sohn. Diese virtuellen Scheuklappen werden Dich zur höchsten Reifestufe einer Gewissensprüfung führen, die auf Klarheit und Qualität einer Verbindung zu Deinem Meister und der göttlichen Sphäre beruht. Sie werden Dich lehren, alles außerhalb Deines eigenen Selbstverständnisses zu sehen und damit wird sich eine Selbstlosigkeit entwickeln, insbesondere, wenn Du auf Deinen Scheuklappen immer wieder die Betrachtung Deiner Handlungen aktualisierst. Sie halten Dich am Leben und Atmen auf Grund der Klarheit und Qualität Deiner spirituellen Verbindung. Nichtsdestotrotz – so wie wir letzten Endes die Mittagssonne brauchen, um die Bildung von Schatten zu verhindern, braucht der Suchende göttliche Gnade, um seinen Schatten klein zu halten. Die höchste Reifestufe von Mohassebeh ermöglicht Dir eine klare Verbindung, so dass die göttliche Sonne stark genug durchscheinen kann, damit Dein Schatten so klein wie möglich wird.

So kannst Du Gott nahekommen. Als Jesus gefragt wurde, wer denn der größte seiner Schüler sei, antwortete er: ‚Jener, der am demütigsten ist!‘

Daher ist die Gewissensprüfung wie ich Sie dir beigebracht habe, mit ihren Scheuklappen und mit Gottes Hilfe der Pfad zur Demut, wodurch Du Gottes Nähe erreichst!“

Hier erreichten Meister und Schüler den Gipfel des Sinai Berges, auf dem Moses mit Gott in Verbindung kam.

Mein Herz ist ein Ofen, der sich mit Feuer begnügt.
Dem Ofen reicht es, ein Haus der Flammen zu sein!

Dschelaledin Rumi, genannt Maulana (13. Jhd)