Das Gefäß und der Ursprung

Eine Betrachtung über Wahrnehmungen und Loslösung von festgefahrenen Vorstellungen für Menschen auf einem spirituellen Pfad von Mehrdad Noorani, London und Helmut N, Gabel, Hannover

Das Wasser nimmt die Form seines Gefäßes an, formulierte vor mehr als tausend Jahren ein spiritueller Meister namens Dschunaid in Bagdad. Viele der Prinzipien und Hindernisse, die uns täglich im praktischen wie im geistigen Leben begegnen, sind durch diese Metapher auf den Punkt gebracht. Über diesen Satz nachzusinnen, lohnt gleich mehrfach, denn er bezieht sich sowohl auf den spirituellen Weg eines Einzelnen als auch auf unseren Alltag und wie wir untereinander interagieren.

Symbole entzaubern: das Gefäß

Das Gefäß in dieser Aussage kann symbolisch als Auffangbehälter verstanden werden oder korrespondierend dazu auch als Auffassungsvermögen einer Person gegenüber einem Thema, einer Botschaft, einer Lösung oder gegenüber Wissen. Wenn der Behälter beispielsweise aus rotem Glas gefertigt ist, wird das Wasser darin rot scheinen. Doch das hat nichts zu tun mit dem Wasser, das nichts als eine farblose Flüssigkeit ist.

Ein Krug – seit Urzeiten ein Gefäß zum Wasser schöpfen oder Flüssigkeiten aufbewahren

Diese „Wasserfärbung“ kann als symbolische Referenz an die vielen falschen Vorstellungen und Vorurteile in den Köpfen der Beobachter gelten, die eine Verfälschung der Tatsachen verursachen. Es gibt sehr viele Ursachen für falsche Vorstellungen: beispielsweise kulturelle oder soziale Überzeugungen, wie Dogmen und abergläubische Vorstellungen, welche zur Trübung der Wirklichkeit in der Beobachtung oder Erfahrung einer Person führen. Diese sich dazwischenschiebende Wahrnehmungsfilter stehen einem oft im Weg, um Erfahrungen anderer Menschen zu verstehen. Es sind Hindernisse, die eine Vermittlung von Erfahrungen verhindern, ganz gleich aus welcher Quelle sie stammen mögen.

Als Geistesschüler gilt es sich zunächst dieser Filter bewusst zu werden und sich frei davon zu machen. Das bedeutet, es gilt sich vorzubereiten auf die geistige Suche, indem man ein rationale wissenschaftliche Betrachtungsweise erarbeitet. So wie Wissenschaftler ihre Forschungen in einem abgeschlossenen Labor durchführen, sollten die Geistesschüler zuerst ihre Einstellungen überprüfen und ihre Glaubenssätze, Dogmen und abergläubischen Vorstellungen aufdecken und schließlich loslassen.

In dieser Analogie steht für die Geistesschüler ihr Körper als Labor und die Instrumente, die man zur Selbstbetrachtung braucht, sind sowohl die äußeren wie die inneren Sinne. Diese inneren Sinne werden bei der Ausführung geistiger Übungen, wie tiefen Meditationen, nach und nach entwickelt.

Unterwerfen wir uns als geistig Strebende nicht einer solchen inneren Klärung, können unsere Erfahrungen eingetrübt sein, so wie das farbige Glas dem Wasser in der Flasche die rote Farbe verleiht. Dadurch kann die Wirklichkeit verhüllt bleiben und falsche Eindrücke vermitteln. Diese Wirklichkeit ist der Ausgangspunkt und die Grundlage für die Erfahrungen geistig Strebender, obwohl in einem tieferen Sinne natürlich das wahre Selbst die eigentliche Wirklichkeit repräsentiert.

Dieses Thema begegnet uns, wenn wir eine vergleichende Betrachtung der spirituellen Erfahrungen verschiedener spiritueller Wege anstellen. Alle spirituellen Pfade schildern den gleichen Ausgangspunkt, das gleiche Ziel und viele ähnliche Etappen, wenn Geistesschüler jedoch ihre Erfahrungen beschreiben, sind diese Erfahrungen oft durch Elemente ihrer eigenen Kultur, sozialer und religiöser Zugehörigkeit gefärbt. Doch diese Elemente haben nichts mit dem Kern ihrer Erfahrung zu tun. Es sind persönliche Begegnungen mit den verschiedenen Ebenen ihres eigenen Bewusstseins, dem Phänomen, das uns allen ermöglicht, aufmerksam zu sein und gewöhnlich als Geistseele bezeichnet werden kann.

Unendliche Reise

Wir wollen einen weiteren Aspekt unserer Ausgangsmetapher ins Auge fassen, das Fassungsvermögen des Gefäßes. Dieser Behälter symbolisiert auch die einzigartigen physischen und metaphysischen Befähigungen, die wir als menschliche Wesen innewohnend haben. Manche dieser Befähigungen sind verborgen und müssen erst durch die geistige Entwicklung entdeckt werden.
Spirituell Strebende sind nicht frei davon, ihre Erfahrungen zu beurteilen. Diese Urteile fallen nach Maßgabe ihrer Veranlagungen oder entsprechen der Entwicklungsstufe, die sie erreicht haben. Dabei vergisst man leicht, dass der Weg einer geistigen Entwicklung endlos ist und damit jegliche Beobachtung eine gewisse Relativität besitzt, ganz gleich auf welcher Stufe diese Erfahrungen gemacht werden. Wir sind unabhängig von unserer Entwicklungsstufe immer am Erforschen des Unendlichen.

So bleibt es auch in sehr weit fortgeschrittenen Stufen dieser Reise, in denen unser individuelles Bewusstsein einen Tropfen symbolisiert und mit dem Ozean des Universellen Bewusstseins verbunden ist, dass die Erfahrung eines Tropfens relativ im Verhältnis zu der Weite eines unendlichen Ozeans ist.

Es bleibt uns wohl angesichts solcher Dimensionen eine tiefe Demut und die Erkenntnis, dass es immer Menschen gibt, die auf dem Pfad der Erkenntnis weiter gekommen sind als wir. Es führen Positionen mit einem Absolutheitsanspruch im Verhältnis zu einer relativen Erfahrung lediglich zu irrigen Annahmen .
So sagte Jesus zu seinen Aposteln diese berühmt gewordenen Worte: “Der Größte unter euch wird euer Diener sein. Wer sich selbst höher stellt, wird Erniedrigung erfahren und wer sich bescheidet, wird erhoben werden.” (Matthäus, 23:10-12)

Geistesschüler können von diesen weisen Worten lernen, indem sie sich die Relativität ihrer Gedanken und Erfahrungen klar machen und auf ihrem weiteren Weg demütig bleiben. Demütig zu bleiben wird uns zeigen, wie das eigentliche Fassungsvermögen unseres Gefäßes sich dank göttlicher Gnade erweitern kann. Dies kann als Ermutigung durch das höhere Bewusstsein verstanden werden, die Reise fortzusetzen.

Relevanz der Einsheit und Ursprung des Menschenkerns

Dschunaids Metapher enthält ein weiteres Element, das wir näher beleuchten sollten: das Wasser. Dieses wird als formlose und durchsichtige Substanz definiert. Genauso können wir die Realität unserer eigenen Essenz als formlose und nicht sichtbare Erscheinungsform begreifen. Um diese Realität zu erfahren und zu erkennen, gilt es unsere weltlichen Anhaftungen an Erscheinungsformen der Menschen wie Geschlecht, Abstammung, Glaubensbekenntnisse, usw. endlich aufzugeben.

Denn so lange wir so versessen auf Formen sind, werden wir die hinter allem liegende Einsheit weder begreifen noch wertschätzen. Geistig Strebende können sich also nicht nur um eine Erfahrung dieser Realität bemühen, sondern sie können sich als Vermittler innerhalb der Gesellschaft einbringen, um Hindernisse zu verkleinern, welche aus der Überbetonung oder dem Missbrauch solcher äußeren Erscheinungsformen wie Geschlecht, Abstammung oder ähnliche Kategorien resultieren. Wir bringen demnach Sympathie, Vertrauen und Empathie auf, versuchen gleichzeitig positiv auf gleiche Chancen hinzuwirken, welche durch unser Tun Hindernisse kleiner werden lassen.

Einheit in der Vielheit

In Europa finden wir im 17./18. Jahrhundert den Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz, der für das Prinzip Einheit in der Vielheit steht. Leibniz war zutiefst von der Einheit des Wissens, des Ursprungs aller Dinge und der Allgemeingültigkeit der Wahrheit überzeugt. Dabei bezieht sich die Vielheit auf die vielfältigen Erscheinungsformen und Phänomene des einen Geistes in der Materie, die Basis und Grundlage all dieser Vielheit wurzelt jedoch in einem gemeinsamen Urgrund.

Gottfried Wilhelm Leibniz lebte von 1646-1716. Er starb in Hannover.

Eine Konsequenz aus den Anschauungen dieses europäischen Denkers ist, dass man Vertretern anderer Kulturen auf Augenhöhe begegnen kann und ein gemeinsamer Austausch über alle sprachlichen, nationalen, religiösen und kulturellen Grenzen hinweg möglich und anstrebenswert ist. Je besser wir uns dabei von Vorurteilen und Vorbehalten frei machen können, desto besser kann ein solcher Austausch gelingen. So brauchen wir als geistig Strebende diesen klärenden und befreienden Schritt, um unserem eigenen innersten Wesenskern näher zu kommen.

Wer seinem innersten Wesen nahe gekommen ist, wird auch notwendigerweise tiefen und ehrlichen Respekt für die gesamte Schöpfung haben, denn man sieht die Einsheit als Hintergrund des gesamten Universums. Diese geistige Wirklichkeit drückt sich in jeder Erscheinungsform dadurch aus, dass sie sich unterschiedlich stark manifestiert und unseren Respekt verlangt.

Sa’adis Mausoleum in Schiraz. Er lebte von 1210 – 1292.

So hat der berühmte persische Dichter und Sufi Meister Sa’adi schon im 13. Jahrhundert formuliert:

Wir Menschenkinder sind ja alle Brüder
Aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder
Hat Krankheit nur einzig Glied erfasst
So bleibet anderen weder Ruh und Rast
Wenn anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennet
Verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennet.

Sa’adis Worte spiegeln nicht nur seine persönliche Erfahrung der beschriebenen Einsheit wider, sondern auch seine Wertschätzung dieses Prinzips auf Grund seiner Erfahrung. Aus diesem Grund wurde dieses Gedicht passender Weise an das Gebäude des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen in großen Lettern angebracht.

Könnten die Metapher Dschunaids aus Bagdad und der Wahlspruch des Universalgelehrten Leibniz Hinweise sein, gegenwärtige Krisen aus einer erweiterten Anschauung zu betrachten und bei der Findung von spezifischen Lösungen zu berücksichtigen?

Dieser Artikel basiert auf einem Entwurf von Mehrdad Nourani, der zunächst in einer kürzeren Version auf Watkins erschienen ist und wurde von Helmut N. Gabel übersetzt und ergänzt.

Mein Herz ist ein Ofen, der sich mit Feuer begnügt.
Dem Ofen reicht es, ein Haus der Flammen zu sein!

Dschelaledin Rumi, genannt Maulana (13. Jhd)